Halsband vs. Geschirr

Halsband vs. Geschirr

ANATOMIE

Um einschätzen zu können, ob ein Halsband oder Geschirr am Hund richtig sitzt, muss man sich ein wenig mit der Anatomie des Hundes befassen.

Denn ein schlecht sitzendes Halsband oder Geschirr schränkt den Hund in seiner Bewegung ein oder  es entstehen durch z.B. Zug an der Leine ungünstige Druckpunkte auf den Hundekörper.

Hunde tragen den Kopf vorn, er wird somit von der Wirbelsäule getragen (beim Menschen balanciert der Kopf oben auf der Wirbelsäule). Die Wirbelsäule wird nach unten hin zum Brustbereich schmaler, im Bereich der Schultern beginnt sie wieder breiter, wird zur Mitte des Hundes hin schmaler und im Bereich der Lende dann wieder breiter.

Neben der Wirbelsäule halten Muskeln den Kopf. Die Nackenmuskulatur von Hunden ist viel stärker ausgeprägt als bei Menschen. Menschliche Halsmuskeln sind für die Bewegungen des Kopfes nach rechts, links, oben unten zuständig, aber nicht, um ihn zu tragen. Daher sind die wichtigen Teile im Hunde-Hals, wie Luftröhre, Wirbelsäule, Schilddrüse usw. von starken Muskelsträngen eingepackt. Der Kehlkopf liegt beim Hund knapp unter dem Kopf und nicht wie bei uns Menschen mittig vom Hals.

Den Bereich der Schulterblätter von Mensch und Hund kann man ebenfalls nicht vergleichen. Hunde haben z.B. kein Schlüsselbein, nur ein kleinen rudimentären Knochen. Der Mensch bewegt die Arme aus dem Schultergelenk zu allen Seiten hin. Hunde bewegen die Vorderläufe über das Schulterblatt, welches sich über einen oberen Drehpunkt nach vorn und hinten, also parallel zum Hundekörper, bewegen kann. Das Schulterblatt liegt immer parallel zum Unterschenkel des Hundes. Am Unterschenkel kann man also gut sehen, wie das Schulterblatt in den jeweiligen Bewegungsabläufen liegt. Die Muskeln im Schulter- und Brustbereich des Hundes (sog. Schultergürtel) und die Schulterblätter sollten frei gehalten bleiben und nicht mit einem Halsband oder Geschirr behindert werden, damit eine uneingeschränkte Bewegung der Vorderläufe und des Halses möglich ist.

Hunde haben im Bereich des Halses, der Schultern und Brust viele Gefäße wie Nerven, Blutbahnen usw. laufen. Diese sollten nicht durch falsch sitzende Halsbänder und Geschirre beeinträchtigt werden.

Bei der Wahl des Geschirres oder Halsbandes gibt es einiges zu beachten. Neben der gewünschten Optik sollten die richtige Passform und Größe und ein guter Sitz am Hund eine wichtigere Rolle spielen.

HALSBAND

Läuft der Hund locker an der Leine, ohne zu ziehen oder oft frei, dann ist ein Halsband die vorzuziehende Variante.

Ein Halsband schränkt den Hund in seiner Bewegungsfreiheit einfach am wenigsten ein, da es optimale Freiheit der Vorderbeine und Schultern bietet. Zudem ist ein Halsband schnell und einfach an- und ausziehen.

Optimal sitzt ein Halsband locker angelegt im Bereich des 4. und 5. Halswirbels, über dem mittleren bis oberen Drittel der Luftröhre. Auf Zug sollte das Halsband nur ein wenig kopfwärts rutschen, aber immer noch im mittleren/ oberen Drittel liegen. Es entsteht in diesem Bereich dann auch ein gewisser Druck auf die Halsmuskeln und auf die Luftröhre. Im Nacken sollte das Halsband auch auf Zug immer noch über dem 4. und 5. Halswirbel sitzen.

Die Breite des Halsbandes sollte an die Länge des Hundehalses angepasst sein und  der Breite eines mittleren Halswirbels entsprechen. Zudem sollte es 2 Halswirbel des Hundes abdecken. Ein Hund hat 7 Halswirbel, diese sind allerdings alle unterschiedlich groß. Als grobe Überschlagsformel kann man die Länge der Halswirbelsäule messen (beginnt zwischen bzw. vor den Schulterblättern und endet am Hinterkopf) und diese Länge durch 7 teilen und dann mal 2 nehmen. Das entspricht dann ungefähr der optimalen Breite.

Der Verschluss des Halsbandes und der Befestigungsring für die Leine sollten im Nacken des Hundes liegen, also über- bzw. nebeneinander. Bei einigen Halsbändern liegt der Ring dem Verschluss gegenüber und bei Zug drückt der Verschluss dann auf die Halsmuskeln.

Ein zu schmales Halsband wirkt wie eine Schnur um den Hals und schnürt entsprechend Gefäße und Muskeln im Hals ab.

Ein zu breites Halsband kann den Hund wiederum in seiner Bewegung einschränken und auch an verkehrten Stellen drücken.

Ein korrekt sitzendes Halsband liegt normalerweise nicht auf dem Kehlkopf. Allerdings rutscht ein Halsband beim Schnüffeln hoch in Richtung Kehlkopf. Darum sollte nicht an der Leine geruckt oder gezogen werden, wenn der Hund den Kopf bzw. die Nase unten hat.

GESCHIRR

An der oft erwähnten Aussage, dass dauerhaftes Ziehen am Halsband Probleme mit den Augen bringen kann (Thema Augendruck), ist durchaus etwas dran. Es gibt dazu Studien, die belegen, dass bei Druck auf den Hals sich der Augendruck erhöht (Studie: Effects of Application of Neck Pressure by a Collar or Harness on Intraocluar Press in Dogs).

Daher gilt, zieht der Hund im Alltag sehr viel an der Leine, dann ist hier die richtige Wahl ein Geschirr.

Kommt er an eine Schleppleine, dann ist ein Geschirr sogar ein MUSS. Wie es dem Hundehals geht, wenn er mit einem Halsband in eine 10 m-Schleppleine brettert, kann sich jeder vorstellen. Hallo Tierarzt!

Auch bei einer Flexi-Leine ist es angebrachter, den Hund im Geschirr zu haben. Bei dieser Art von Leine muss der Hund immer einen gewissen Zug aufbauen, um überhaupt vom Fleck zu kommen. Und natürlich sollte dieser Zug/ Druck nicht über den Hals aufgebaut werden.

Es gibt verschiedene Geschirrtpyen, alle haben ihre Vor- und Nachteile.

Bei sog. Y- und H-Geschirren (der Halsgurt und der Bruststeg bilden den Buchstaben „Y“ oder „H“) ist der große Vorteil, dass die Schulterblätter frei bleiben und die Muskeln im Bereich des Schultergürtels nicht eingeschränkt werden und gut arbeiten können. Der Halsgurt liegt im vorderen Bereich auf dem Brustbein und verteilt darüber den Druck durch den Leinenzug. Leider verrutschen diese Geschirre oft seitlich, gerade bei Hunden mit schmalen Brustkörben oder „spitzen“ Brustbeinen. Bei den H-Geschirren muss geprüft werden, ob der Halsgurt zu hoch sitzt oder im Bereich des Brustbeins liegt. Bekannte Firmen mit Y- oder H-Geschirren sind z.B. Anny-X, Hunter (Neopren-Geschirre, Maldon), Großenbacher, Koch, Trixie (Trekkinggeschirr), Hurrta, Anione, Wolters usw.

Bei Kreuzgeschirren bildet das Geschirr im Brustbereich oder auf dem Rücken eben ein Kreuz. Dadurch sitzen sie meist, gerade bei schmalen Brustkörben, stabiler und verrutschen seltener. Auch hier können sich die Schultern des Hundes frei bewegen. Leider sind diese Geschirre meistens im Halsbereich nicht verstellbar und somit nicht optimal anpassbar an den jeweiligen Hund. Eine bekannte Firma für Kreuzgeschirre ist z.B. Feltmann.

Dann gibt es noch die sog. Norwegergeschirre. Hier sitzt der Brustgurt quer über den Brustkorb. Daher ist dieses Geschirr für Hunde geeignet, die den Bruststeg zwischen den Vorderbeinen nicht akzeptieren. Bei dieser Geschirrform können sich die Schultern und Vorderläufe des Hunde nicht frei nach vorn bewegen, der Hund wird in seiner Schrittlänge eingeschränkt. Der Gurt über die Brust ist auch meistens nicht verstellbar und sitzt oft nicht richtig, er rutscht auf Zug über das Brustbein und drückt dann quer über den Hals und auf die Luftröhre. Der Brustgurt und der Bauchgurt laufen direkt auf der Schulter zusammen, hier liegt auch ohne Zug ein dauerhafter Druckpunkt auf dem Bizeps und dem Schulterblatt. Ein weiterer Nachteil an einem Norwegergeschirr ist, dass Hunde sich da sehr leicht rauswinden können.

Ein Sattelgeschirr (z.B. K9-Geschirre) ist vom Typ her auch ein Norwegergeschirr. Es hat die gleichen Vor- und Nachteile. Weitere Nachteile sind, dass sich unter dem Sattel Hitze und Nässe stauen kann und das die hintere Sattelkante gerade auf Zug immer auf den gleichen Punkt auf der Hundewirbelsäule drückt und dort echte Probleme verursachen kann (Verspannungen usw.).

Auch bei den „Reinschlüpfgeschirren“, wie z.B. Curli, Tre Ponti, Hunter (Hilo) besteht auch der Nachteil, dass die Schultern und Vorderläufe nicht frei beweglich sind und die Geschirre auf Zug über das Brustbein rutschen und auf die Luftröhre drücken. Auch drückt der obere Verschluss oft genau auf die Schulterblätter.

Ein gutes Geschirr sollte insgesamt weich und gut unterpolstert sein, vor allem im Bereich der Ringe und Schnallen, damit diese nicht am Körper drücken und kein Metall auf dem Hundekörper aufliegt. Es sollte aus weichem Material hergestellt sein, möglichst mit einer guten Polsterung, nirgends am Hund scheuern, reiben, drücken, einschnüren.

Ein Geschirr bei der Anprobe immer auf Zug testen: Bleiben die Schulterblätter frei? Rutscht der Halsgurt über das Brustbein und drückt auf die vorderen Halsmuskeln und somit auf die Luftröhre? Liegt der Bauchsteg mittig? Drückt der Bauchgurt auf die Rippen und auf welche? Drückt der Bauchgurt auf die Wirbelsäule?

Vielen Hunden bereitet das Anziehen eines Geschirrs Probleme. Das kann daran liegen, dass das Geschirr nicht richtig sitzt und/ oder passt und den Hund in der Bewegung dann stört oder sogar schmerzt.

Sitzt und passt das Geschirr gut und wenn der Hund es anhat, bewegt er sich ganz normal und frei, dann kann einfach das Anziehen an  sich die Ursache sein. Viele Hunde mögen es nicht, etwas über den Kopf gestreift zu bekommen. Zudem beugen sich viele Halter beim Anziehen über den Hund, was dieser als bedrohlich und daher unangenehm empfinden kann.

Daher ist es wichtig, das Anziehen zu trainieren und das Geschirr positiv zu belegen.

Letztendlich ist es von Hund zu Hund eine ganz individuelle Entscheidung, die von vielen Faktoren abhängt (Körperbau des Hundes, Alter des Hundes, Nutzungszweck, gesundheitliche Aspekte usw.), ob der Hund ein Halsband oder ein Geschirr trägt und wenn ein Geschirr, dann welches.

 Check-Liste Halsband:

  • Hund läuft locker an der Leine oder frei
  • Breite von ca. 2 Halswirbeln (Länge des Halses /7 x 2)
  • Verschluss befindet sich neben dem Ring zur Leinenbefestigung
  • nicht an der Leine rucken, wenn der Hund den Kopf unten hat (beim Schnüffeln usw.)

 Check-Liste Geschirr:

  • weich und gepolstert
  • mind. 2 Finger breit Platz im Achselbereich
  • Brustpunkt des Geschirrs liegt auf dem Sternum („Brustbeinknubbel“)
  • am Hals drückt es nicht ein, auch nicht auf Zug
  • Schultern sind frei beweglich
  • auf dem Rücken passt bequem die flache Hand zwischen Bauchgurt und Hund
  • auf Zug sitzt es noch auf den Rippen, nicht dahinter

 

 

BerlinerSchnauzen

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17. Mai 2021

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1 Kommentar

  1. Hallo Marthe! Das ist eine sehr umfassende, ausführliche Erklärung. Jetzt bin ich mir wieder ein Stück sicherer, was die Auswahl von Halsband oder Geschirr betrifft. Ich mache es davon abhängig, was wir unternehmen und ob Amy viel frei laufen kann, weil wir in bekannter Gegend laufen oder ob wir irgendwo hin fahren, wo sie an der Leine schon mal etwas zieht. Danke!

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